Fastenpredigt der Kirchengemeinde Nürnberg St. Paul, Emmauskirche, Luther- und Osterkirche:
"Wunde Punkte in der Stadt", Lektor Bezirkstagspräsident Richard Bartsch, Fastenpredigerin Petra Guttenberger MdL, Herr Pfarrer Jürgen Thiede, Mitglied des Evangelischen Arbeitskreises, Herr Manfred Scheler, Kirchenvorsteher St. Paul und Herr Thomas Blösel, Mitglied des EAK


Fastenpredigt von Petra Guttenberger, Mdl:

Sehr geehrte Gemeindemitglieder der Emmauskirche, der Lutherkirche, der Osterkirche und von St. Paul,
liebe Brüder und Schwestern,

zunächst möchte ich mich sehr herzlich für die Einladung bedanken und vor allem dafür, dass Sie den Gedanken der Passion dadurch weiter tragen, dass „wunde Punkte“ in der Stadt ins Blickfeld genommen, historische Bezüge gesetzt, aber auch aktuelle Geschehnisse ins Licht gerückt und zur Diskussion gestellt werden.

„Die Würde des Menschen ist unantastbar“, diese Grundentscheidung stellt unsere Verfassung, unser Grundgesetz an den Anfang als unabänderbaren und festen Grundsatz unseres Rechtsstaates.

Die Würde des Menschen geht allen anderen Regelungen vor. Diese „Würde“ durchwirkt unser gesellschaftliches Miteinander in vielen Ausprägungen. Sie ist Wesensmerkmal und Handlungsauftrag an Politik und Gesellschaft gleichermaßen. Sie führt dazu, dass jeder Einzelne ein Anrecht auf ein menschenwürdiges Dasein, auf Gewährleistung eines finanziellen Existenzminimums, ein Recht auf Leben und freie Entfaltung hat.

Diese Würde ist für mich die Manifestation des christlichen Menschenbildes, also das klare Bekenntnis, dass der Mensch als Ebenbild Gottes eigenen Wert und eigene individuelle Rechte hat- unabhängig von seiner Herkunft, seines Geschlechts, Alters oder Zustandes.

Nie darf der Einzelne zum bloßen Objekt gemacht werden.

In unserer Bibelstelle setzt Pilatus Jesus ein, um aus taktischen Erwägungen Volk und Priesterkaste gegeneinander auszuspielen und scheitert, indem er versucht jeden Einzelnen als Objekt zu nutzen, da es der Priesterkaste, der es ebenfalls nicht um den Einzelnen geht, sondern um Macht und darum, Jesus Christus als störendes Objekt aus dem Machtgefüge zu entfernen, besser gelungen ist die öffentliche Meinung für eigene Zwecke zu beeinflussen.

Liebe Brüder und Schwestern, wir befinden uns unweit eines historischen Ortes, eines besonders wunden Punkts in der Stadt, aber auch eines besonders wunden Punktes Deutschlands und weltweit.

Gerade das Reichsparteitagsgelände war ein Kristallisationspunkt der nationalsozialistischen Ideologie, dieser gänzlich falsch verstandenen Schlussfolgerung aus den Lehren von Charles Darwin über die Weiterentwicklung der Arten durch Anpassung.

Diejenigen, die das System als minderwertig einstufte, also die „Nichtangepassten“, wurden unter dem Deckmantel der Medizin Zwangssterilisationen unterzogen, unter dem perfertiert verstandenen Begriff der Euthanasie ermordet, durch Menschenversuche gequält oder durch eine maschinelle, industrielle Vernichtung – ein in der Geschichte einmaliger Vorgang – ausgelöscht.

Gerade auf diesem Gelände spiegelt sich wieder, wie Adolf Hitler und der Nationalsozialismus unter Nutzung christlich-religiöser Elemente, verwoben mit Bestandteilen germanischer und indogermanischer und keltischer Religionen eine krude Ersatzreligion zusammen schusterten.

Die Zeppelintribüne, heute Mittelpunkt vieler fröhlicher Events, war dem Pergamonaltar nachgebildet – nur 7-fach vergrößert. Die große Straße führt von Nürnberg, als bedeutendster Stadt des heiligen römischen Reiches nach Süden und weist damit auf Regensburg und die Walhalla hin, wodurch eine Achse mehrerer Kaiserstädte und damit wichtiger Orte deutschen weltlichen und religiösen Geschichtsgeschehens entsteht.

Inmitten der Tribüne stand Adolf Hitler als Gott bzw. Prophet dieser Ideologie, in der der Einzelne nur noch Objekt der Inszenierung war.

Und – offensichtlich durch das emotionale Empfinden angesichts der Inszenierung – zu einem großen Teil dieser Ideologie erlag und ihr huldigte, Kriegsvorbereitungen mit trug und Worten „Kraft durch Freude“ nicht mehr das Bewusststein gab, dass „große Kraft auch große Verantwortung“ verlangt.

Ein Kindergartengebet, in dem zu Adolf Hitler mit den Worten gebetet wurde „Händchen falten, Köpfchen senken und an Adolf Hitler denken, der uns gibt das täglich Brot und uns führt aus aller Not“ klingt heute in hohem Maße befremdlich, war damals aber eine mitgetragene Selbstverständlichkeit.

Um so erschütternder ist es zu sehen, dass gerade heute wieder Extremismus, ganz egal welcher Ausprägung Zulauf erhält.

Zulauf von Menschen, die den Anderen zum Objekt machen wollen und sich selbst bereit sind, als Objekt in diese Ideologie einzufügen.

Wichtig ist es dabei, hier keine Toleranz bei menschenverachtenden Vorgängen zu kennen. Wichtig es dabei auch, nicht weg zu sehen. Wichtig es aber auch für die Betreffenden Ausstiegsprogramme bereit zu halten.

Extremismus, der sich in einer Ablehnung unserer verfassungsgemäßen Ordnung, die das christliche Menschenbild, also die Würde es Menschen als obersten Grundsatz hoch hält, äußert, darf bei uns keine Zukunft haben.

Gerade dies darf uns auch nicht dazu verleiten, im Namen einer falsch verstandenen Toleranz eines „Alles ertragen und erdulden“ wegzusehen.

hinzunehmen, was an Übergriffen durch Rechts- und Linksradikalismus durch scheinbar religiös motivierte Fundamentalisten hier vor Ort vorfällt. Ich nenne nur das Stichwort „Ehrenmorde“, die nichts mit Ehre, sondern mit der Unfähigkeit zum Respekt vor dem Menschen und der Persönlichkeit des Anderen zu tun haben, oder die Situation in Ländern wie Afghanistan, in dem Frauen keinerlei Zugang zu medizinischer Versorgung und Bildung haben sollen und man ohne Skrupel Opium anbaut, um des Geschäftes Willen leichten Zugang im Westen zu ermöglichen und damit wiederum deutlich macht, dass der Mensch als Objekt und gerade nicht als Gottes Ebenbild verstanden wird.

Heute – in der Nähe dieses historischen Ortes, in dem Gott durch die Ideologie der Macht und der NSDAP ersetzt werden sollte, sollten wir diesen Ort emotional aufnehmen, im Gedächtnis behalten und als Grundlage für ein „Nie wieder“ und als Ansporn für ein „Ja zum christlichen Menschenbild“, das jedem Einzelnen diese Würde als Ebenbild Gottes zuspricht und garantiert, sehen.

Darum, diesen geschärften Blick nie zu verlieren, bitten wir Gott.